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Wir haben es in der Hand!

Vom 24.-28. Mai fand der Kirchentag im Jahr des Reformationsjubiläums in Berlin und Wittenberg statt. Ich begleitete 11 Jugendliche aus der Gemeinde Köln-Pesch dorthin. 

„Du siehst mich“ – war das Motto dieses 36. Kirchentages.

Das konnte ich nicht immer von meiner Gruppe aus 11 Jugendlichen behaupten, die ich als Leitung dorthin begleitete. Denn oft verloren wir uns aus den Augen wenn einer rief: „Da ist unsere Bahn!“, und so mussten wir alle einen Sprint einlegen und uns in die überfüllten Bahnen quetschen.  „Ich seh euch nicht mehr! Köln- Pesch wo seid ihr?“, hieß es dann. Das war das Kommando woraufhin wir alle durchzählten und uns vergewissern konnten das alle da waren.

In der Millionenstadt, die anlässlich der zahlreichen Veranstaltungen noch viel voller wurde, war es schon nicht so einfach sich zwischen den Menschenmassen, den hupenden Autos und dem Großstadtlärm immer gegenseitig im Auge zu behalten.  Doch schafften wir es in den vier Tagen in Berlin immer alle an unser Ziel und warteten geduldig an den langen Schlangen vor den Einlasskontrollen um uns Vorträge oder Konzerte anzuhören und die vielen inspirierenden Persönlichkeiten aus nächster Nähe zu sehen.

20170527_122326Dazu gehörte natürlich auch der Auftritt direkt zum Auftakt des Kirchentags am Donnerstagmorgen von Barack Obama und Angela Merkel, der für viele in unserer Gruppe ein Highlight des Kirchentages darstellte.  Früh sind wir dafür aufgestanden, um uns einen Platz möglichst weit vorne an der Bühne zu sichern.  Als es um kurz nach elf dann soweit war standen wir inmitten der jubelnden Massen, die Schilder hochhielten und der Bundeskanzlerin, sowie dem 44. Präsident der Vereinigten Staaten zuklatschten. 90 Minuten lang sprachen die Beiden mit dem Ratsvorsitzenden der Ev. Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm und Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au über Flüchtlingspolitik, den Syrienkonflikt, die generelle weltpolitische Lage, aber auch über Innenpolitik, Innere Sicherheit und wie dies alles unter Berücksichtigung christlicher Werte zu lösen sei. Wie können wir für diese einstehen? Was können wir tun um diese Welt besser zu machen? Und Obamas Antwort auf diese, oft wirklich sehr tiefgreifende Fragen der Moderatoren ließ immer wieder einen Aspekt durchklingen: Wir sind es! Wir, die Jugendlichen und jungen Erwachsene in unserer Gesellschaft wurden ermutigt und angesprochen uns zu engagieren und für unsere Zukunft einzustehen.

Dafür sei nun auch seine Initiative Obama Foundation gegründet worden, die Entscheidungsträgern von morgen auf die zukünftigen Probleme und deren Lösung vorbereiten soll. Selbst im Kleinen sei es wichtig sich zu engagieren, so wie viele von dieser Gruppe die ich dorthin begleitete dies bereits tut. Ehrenamtlich in ihren Gemeinden oder auch darüber hinaus, um etwas Gutes zu tun, anderen zu helfen und um die Welt etwas besser zu machen. Auch in den folgenden Tagen gab es viele Momente und Möglichkeiten zu erfahren wie dies besser gelingen kann.

Überrascht hat es mich dabei schon wie interessiert die Jugendlichen zu diesen Veranstaltungen gingen um sich über Themen wie nachhaltige Ernährung, Lösungen im Syrien Konflikt oder den Klimawandel zu informieren. Auch bei einem Planspiel zu letzterem Thema waren alle begeistert. Dabei schlüpfte man in unterschiedliche Rollen von Ländergruppen, die die Wahl zwischen Kohlefabriken und nachhaltigen Energien hatten, dabei ihre individuellen politischen und wirtschaftlichen Ziele erfüllen mussten und auch noch darauf achten sollten, dass das Klima nicht zusammenbricht. Das Ganze wurde durch unvorhersehbare Naturkatastrophen, die einen in der eigenen Entwicklung mit zunehmender Temperaturanstieg des Klimawandels behinderten, erschwert. Hierbei konnten wir erfahren wie schnell auch internationale Interessen aufeinanderstoßen, aber auch wie wichtig die Zusammenarbeit der Länder ist. So vereinbarten in der Mitte des Spiels die gesamten anderen Länder keinen Handel mehr mit der USA eingehen zu wollen, wenn diese nicht unverzüglich ihre umweltschädlichen Fabriken abreißen und mit erneuerbaren Energieträgern ersetzten würden. So geschah es und wir konnten tatsächlich durch unsere Zusammenarbeit das Klima bis zum Ende des Spiels stabil halten.

Bei einem weiteren Planspiel zum Thema Integration wurde uns die Rolle eines Vertreters der verschiedensten Positionen zugeteilt. Nun saßen wir an einem Tisch und sollten einen Leitsatz zur Aufnahme von Flüchtlingen verfassen, dem die Mehrheit der Vertreter zustimmen sollten. Wir scheiterten kläglich daran und so wurde deutlich, wie schwierig es ist in solchen wichtigen Entscheidungen einen guten Kompromiss zu finden. „Ich habe mich immer gefragt wie bei so großen internationalen Zusammenkünften nach tagelanger Debatte kaum Lösungen rumkommen. Jetzt habe ich selbst erlebt wie schwer es sein kann die vielen verschiedenen Interessen auf einen Nenner zu bringen.“, sagt zum Beispiel eine Teilnehmerin aus unserer Gruppe. Doch es wurde auch gezeigt wie wichtig es ist in Diskussion zu treten und miteinander zu reden. Darüber waren wir uns nach dem Planspiel in der Diskussion mit den Teilnehmenden einig.

Auch beim großen Festgottesdienst am Sonntag in Wittenberg wurde dies deutlich. Der südafrikanische Bischof Thabo Makgoba war zu Gast und hielt die Predigt. Auch er sprach von einer besseren, gerechteren Welt die er sich wünsche. Er nahm Bezug auf Martin Luther King und erzählte uns von seinem „Dream.“ Er träume, dass eines Tages die derzeitigen Parolen von Nationalismus und Abschottung verschwinden würden und jeder Mensch Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wasser und wirtschaftlichen Chancen hätten. Auch er appellierte an uns junge Leute, ähnlich wie es Obama ein paar Tage zuvorgetan hat, wir sollen einstehen für unsere Werte und sollten die „Schreie der anderen Menschen und des Planeten“ erhören und danach handel.

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So erfüllt das Programm dieses Kirchentages genau den Kern, der sich auch in der Reformation widerspiegelt: Es informiert und ermutigt zu hinterfragen. Vor allem aber fordert es auf die Zustände nicht einfach hinzunehmen, sondern etwas zu unternehmen. Damit werden die gleichen Aufforderungen auch 500 Jahre später noch gestellt: Stellung beziehen, einstehen für das was uns wichtig ist, aber auch den Anderen dabei sehen, seine Meinung respektieren und gemeinsam in Diskussion zu treten. Damals wurde dies von Luther und weiteren Reformatoren angestoßen, heute von einer Vielzahl von Menschen und Persönlichkeiten die wir auf dem 34. Kirchentag in Berlin und Wittenberg gesehen haben.